Buchtipps: Die Highlights 2011 im Rückblick

Redaktion 2. Januar 2012 0
Buchtipps: Die Highlights 2011 im Rückblick

Umberto Eco: Der Friedhof in Prag

Umberto Eco bedient in seinem Roman Der Friedhof in Prag bekannte Verschwörungstheorien, die sich längst ins kollektive Bewusstsein eingegraben haben. Es scheint daher, als mache er nur die geheimen Kräfte sichtbar, die den Gang der Welt lenken.

Als Stoff hat er nichts Geringeres gewählt als die Protokolle der Weisen von Zion, die Ende des 19. Jahrhundert geschrieben wurden, um die jüdische Weltverschwörung zu belegen. Der schizophrene Ich-Erzähler Simon Simonini ist Spion, Fälscher und vor allem Judenhasser. Er nimmt den Leser mit auf einen Streifzug der italienischen und französischen Geschichte seiner Zeit: vom italienischen Risorgimento bis zur Dreyfus-Affäre.

Ecos Buch, erschienen im Hanser Verlag, ist ein spannendes und opulentes Geschichtsepos. Um die durch Detailreichtum erzeugte atmosphärische Dichte zu durchdringen, sollte man allerdings ein Lexikon griffbereit halten. Beim Nachschlagen wird man feststellen, dass alle handelnden Personen bis auf den Erzähler wirklich gelebt haben. Real ist daher die Gefahr, die Geschichte für bare Münze zu nehmen. Schließlich kommen sie aus berufenem Mund. Umberto Eco ist als ehemaliger Universitätsprofessor, noch dazu mit mittlerweile über 30 Ehrendoktorwürden honoriert, das Sinnbild einer vertrauenswürdigen Quelle.

Doch Vorsicht: Die Geschichte ist fiktiv, auch wenn für den Laien unmöglich zu erkennen ist, wo die Realität endet und die Fiktion anfängt. Wer di Lampedusas Der Leopard (verfilmt von Lucchino Visconti) gut fand, wird auch an diesem Buch seine Freude haben.

 

Heinz Strunk: In Afrika

Der Titel von Heinz Strunks viertem Buch klingt harmlos: In Afrika. Auf dem Umschlag finden sich dann auch possierliche Abbildungen von afrikanischen Tieren – selbst das Krokodil grinst. Trotz der äußeren Erscheinung ist das Buch jedoch alles andere als harmlos.

Dezember 2007: Heinz Strunk wird von seinem besten Freund C. überredet, über Weihnachten zu urlauben – in Afrika. Strunk lässt sich darauf ein, es wird aber schnell klar, dass er lieber zu Hause bleiben würde. Erstmals seit vielen Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit einer weißen Weihnacht bei 85 Prozent. Wer will da weg? Und gegen Afrika als Urlaubsziel spräche eigentlich sowieso alles. In Kenia angekommen, würde Strunk, von Natur aus ängstlich, am liebsten möglichst wenig erleben. Zudem verpasst C. den Flieger und Strunks Koffer bleibt irgendwo auf der Strecke. Also muss er zunächst allein und ohne frische Kleidung die afrikanische Hotelanlage und vor allem dessen Bewohner besichtigen.

In der Beschreibung offenbart sich dem Leser das größte Talent des Hamburgers: Die Beobachtung fremder Menschen und die ironische Wiedergabe dieser Betrachtungen beherrscht Strunk wie kein anderer. Jede im Buch auftauchende Person bekommt einen Spitznamen, darauf folgt die passende Lebensgeschichte. Beziehungsweise erfindet Strunk anhand von Verhalten, Gesten oder schlicht dem Aussehen passende Lebensläufe: Ironiegetränkte Geschichten, die tief blicken lassen in sein Weltbild, in dem sich Depression und Witz verquer nah sind. Strunk studiert anhand der anwesenden Urlauber die deutsche Gesellschaft und das falsche Verhältnis der westlichen Welt zum schwarzen Kontinent – eine bissige Gesellschaftsanalyse fernab von Deutschland und seinen Klischees, dabei ungemein treffend und voll bitterem Humor.

In Afrika, erschienen bei Rowohlt, macht von der ersten Seite an Spaß. Auch wenn objektiv nicht viel geschieht, Heinz Strunks Art dieses Nichts zu beschreiben und mit Lebensgeschichten zu füllen, ist außergewöhnlich. Der bittere Humor des Hamburgers gefällt mit Sicherheit nicht jedem, doch wer über Zynismus lachen kann, wird dieses Buch lieben. Nicht zuletzt bleibt bei Strunk auch Raum für Romantik und Rührung. Zweimal fließen beim Autor Tränen und die Liebe zur Kellnerin Lucy sowie zum besten Freund C. ist ehrlicher als in jedem Kitschroman.

 

John Updike: Die Tränen meines Vaters

Mit Die Tränen meines Vaters nimmt der verstorbene Kultautor John Updike endgültig Abschied von seinen Lesern. In den letzten bislang noch unveröffentlichten Erzählungen sinniert er einmal mehr über ein bewegtes Leben – sowie über das Alter. Leise, wehmütig und mitunter resigniert blickt Updike zurück auf sein Leben.

Die Tränen meines Vaters ist eine 368 Seiten umfassende Sammlung von Erzählungen, die der US-Schriftsteller mit wenigen Ausnahmen in seinen letzten Lebensjahren verfasst hat – und damit der Schlusspunkt seines monumentalem literarischen Werkes. Etwa 60 Bücher, darunter mehr als 20 bedeutende Romane, Sammlungen von Kurzgeschichten, Essays und Gedichtbände, veröffentlichte der gefeierte Autor bis zu seinem Tod 2009 im Alter von 76 Jahren. Updike hat zahlreiche amerikanische Literaturpreise und -auszeichnungen erhalten und zählte viele Jahre zu den Anwärtern auf den Literaturnobelpreis. Einige seiner Werke wurden verfilmt.

Die einstige Ikone der US-Literatur hat sich in vielen seiner Helden verewigt. Immer wieder waren seine Geschichten ein Stück eigenes Leben. Das wird in Die Tränen meines Vaters besonders deutlich. Die autobiografischen Details, das Bedauern über verpasste Chancen, über Missverständnisse und die vielen außerehelichen Affären machen Updikes letzten Band zu einer Art Memoirensammlung. Noch einmal offenbart er sich seinen Lesern schonungslos. Einmal mehr zeichnet er meisterhafte Porträts, äußert er Gedanken zum Leben und speziell zum Altern in wunderbar klarer Sprache. Die Tränen meines Vaters aus dem Rowohlt Verlag sind ebenso ergreifend wie amüsant und spannend zu lesen.

 

Alfons Schuhbeck: Meine Reise in die Welt der Gewürze

Um sie wurden Kriege geführt und Männer brachen zu waghalsigen Abenteuern auf. Wer den Handel mit Gewürzen kontrollierte, dessen Reich erblühte. Alfons Schuhbeck zeigt dies auf wunderbare Weise.

In seinem Kochbuch Meine Reise in die Welt der Gewürze wagt der Spitzenkoch einen ganz anderen Ansatz für ein solches. Die mehr als 150 Rezepte rücken in den hinteren Teil des Buches. Im Vordergrund steht das Erleben und die Geschichte der feinen Zutaten, die eine Geschichte der Menschheit ist. Von ihrer Bedeutung in Babylon und dem alten Rom bis ins Mittelalter sowie darüber hinaus weiß Schuhbeck unterhaltsam zu erzählen. Er behält dabei seine Sicht als Koch und Gourmet.

Diese geschichtliche Perspektive ist eher selten und daher sehr interessant. Zudem hebt das Buch die medizinischen Aufgaben der Gewürze und Kräuter hervor. Auch das trifft den Zeitgeist: Genuss mit gesunder Lebensweise zu verbinden, ist en vogue. Garniert wird dieses köstliche Menü aus dem Verlagshause Zabert Sandmann mit persönlichen Erlebnissen von Schuhbecks Reisen nach Damaskus, Marrakesch oder Beirut. Und was passt besser zur Weihnachtszeit als der Duft von Zimt, Myrre und Weihrauch?

Wer mehr über diese Gewürze erfahren will, sollte Schuhbecks kulinarischen Reisebericht lesen: ein Buch für Weltenbummler, Arabisten und Gourmets.

 

Alice Schwarzer: Lebenslauf

Was hatte sie sich nicht alles anhören müssen: «Hexe mit dem stechenden Blick», «Männerhasserin», «Schwanz-ab-Schwarzer». Doch statt sich verletzt und beleidigt zurückzuziehen, hat die Journalistin und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer immer gekämpft, die Konfrontation gesucht und sich nie einschüchtern lassen.

In den vergangenen 40 Jahren war die heute 69-Jährige sowohl in Frankreich als auch in Deutschland maßgeblich an der Frauenbewegung beteiligt, setzte sich gegen den §218 («Abtreibungsparagraf») ein, hat vor mehr als 30 Jahren die Zeitschrift Emma gegründet und mehrere Bücher geschrieben, die von Frauen und auch von Männern auf der ganzen Welt gelesen werden. Auch heute noch mischt sich Alice Schwarzer ein – und wird dafür häufig angefeindet. Sie nimmt es mit Humor. Denn Humor, so Schwarzer, sei die «ultimative Waffe». Dass Alice Schwarzer davon etwas versteht, kann man in ihrer Biographie Lebenslauf nachlesen.

Darin gibt sie, die sich normalerweise über ihr Privatleben äußerst bedeckt hält, erstmals Einblick in die Zeit, bevor aus Alice Schwarzer Deutschlands «Star-Feministin» wurde – eine Bezeichnung, die sie im Übrigen nicht mag. Sie erzählt auch von ihrer ungewöhnlichen Kindheit im Wuppertal der Nachkriegsjahre. Die 1942 geborene Alice wird nicht von ihrer Mutter, sondern von ihren Großeltern aufgezogen. Genauer gesagt, von ihrem Großvater, den sie «Papa» nennt. Sie lässt den Leser an ihrem Leben in Paris teilhaben sowie an ihrer großen Liebe zu Bruno.

Bei der Lektüre von Lebenslauf (Kiepenheuer & Witsch) wird schnell klar, dass das Image, welches Schwarzer dank schlechter und geschmackloser Berichterstattung und dummen Vorurteilen anhaftet, nichts mit der Realität zu tun hat. Die Frau, die Alice Schwarzer beschreibt, ist keine stumpfsinnige Männerhasserin, die alles Männliche verdammt. Sie ist eine Frau, die sich leidenschaftlich für Gerechtigkeit einsetzt, dabei selbst immer gerecht ist und nicht selten Humor beweist.

Auf Seite 2 erfahren Sie mehr über Apple-Gründer Steve Jobs und die heutigen Ängste der um die 30-Jährigen.

 

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Mehr als ein halbes Jahrhundert gelebte Geschichte erzählt Eugen Ruge in seinem autobiografischen Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts. Darin schildert der 57-Jährige den Verfall einer Familie, einer Ideologie, eines Staates. Kapitel für Kapitel gibt der Autor den einzelnen Familienmitgliedern das Wort und spielt je nach Person, Herkunft und Alter virtuos mit der deutschen Sprache. So entsteht geschriebenes Breitwandkino.

Großmutter Charlotte erzählt vom Exilleben in Mexiko, Vater Kurt von der Re-Stalinisierung und DDR-Kleinbürgertum. Der Enkel und Sohn entflieht ausgerechnet am neunzigsten Geburtstag des Großvaters, des stalinistischen Urgesteins Wilhelm, in den Westen. Immer wieder kehrt der Roman zum letzten aller Familienfeste, zur letzten aller Bonzenfeiern zurück.

Ein empfehlenswerter und zu Recht preisgekrönter Schmöker aus dem Hause Rowohlt, der anhand einer Familiensaga deutsche Geschichte greifbar macht. Wer Tellkamps Der Turm mochte, wird In Zeiten des abnehmenden Lichts lieben.

 

Walter Isaacson: Steve Jobs – Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers

Als Steve Jobs Anfang Oktober starb, trauerte die ganze Welt in Superlativen. Es gibt viele Attribute, die den Apple-Gründer zugeschrieben werden: begnadet, rebellisch und cholerisch. Er wurde zu Lebzeiten als Genie, Guru und Visionär gefeiert. Seine Biografie von Walter Isaacson, erschienen im C. Bertelsmann Verlag, ist das einzige Werk, das Jobs selbst autorisiert hat. Trotzdem ist das Buch keine unkritische Lobhudelei auf den Mann, der die digitale Welt revolutionierte und die technische Moderne prägte.

Isaacson wurde eigens von Jobs damit beauftragt, sein Leben für die Nachwelt festzuhalten. Und er wählte klug, denn der anerkannte Journalist entwarf ein umfassendes Porträt des Visionärs. Dafür gab Jobs ihm 40 Interviews und die Erlaubnis, mit allen relevanten Weggefährten und seiner Familie zu reden. In jahrelanger Recherche sammelte Isaacson viele wohlwollende aber auch kritische Stimmen.

Herausgekommen ist ein Werk, welches das Leben der Apple-Ikone auf rund 700 Seiten erzählt, den visonären Denker mit all seinen Facetten darstellt. Isaacson gewährt intime Einblicke in die Welt des Steve Jobs, zeichnet ein Bild von ihm als schwieriges Genie mit einer komplexen Persönlichkeit – und gibt viel Überraschendes aus dessen Privatleben preis. «Dies ist ein Buch über das schwindelerregende Leben und die unglaublich intensive Persönlichkeit eines kreativen Unternehmers», schreibt Isaacson. Er zeigt einen Mann, der die Künste liebte, der sich von anderen Menschen in den Bann ziehen ließ, der ein Schelm war. Isaacson beschreibt seinen Charakter als eine «Mischung aus Sensibilität und Gefühllosigkeit, Ruppigkeit und Distanziertheit».

Steve Jobs war speziell. Ein erfolgreicher Genius, ein Perfektionist, ein Individualist – keine Frage. Aber er war auch jemand, der viel Glück in seinem Leben hatte. Er war oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Gerade so, als hätte es ihm das Leben so vorgeschrieben. Diesen Eindruck zumindest gewinnt, wer Steve Jobs – Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers liest.

 

Jussi Adler-Olsen: Erlösung

Im dritten Band seiner Serie um den Kommissar Carl Mørck nimmt Jussi Adler-Olsen den Leser wieder mit in eine Geschichte, die eigentlich zu grausam ist, um wahr zu sein. Nach der Lektüre sieht man seine Mitmenschen mit anderen Augen.

Es ist das Motiv der Ohnmacht, das sich durch die drei bisher erschienenen Bände von Jussi Adler-Olsen zieht. Die Ohnmacht, nichts tun zu können. Gefangen zu sein in einer Situation, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. In Erlösung, bei dtv erschienen, sind es zwei Jungen, die in einem Verließ sitzen. Oder in einer Höhle? In einem Keller? Der Geruch von Wasser hängt in der Luft, von Moder. Die Münder der Kinder sind zugeklebt, ihre Hände gefesselt. Was sie nicht wissen: Einer von ihnen wird sterben, der andere nicht.

Adler-Olsen schafft das, was die meisten Krimiautoren nur versuchen, woran sie oftmals kläglich scheitern. Der Däne bringt die Geschichte nahe, er macht sie zu der des Lesers, der immer mehr mit hineingezogen wird, mitdenkt, mitüberlegt und mitleidet. Irgendwann hat man den Geruch des Wassers in der Nase, fährt man mit den Frauen, die die Kinder retten wollen, durch den dunklen Wald, spürt man, wie der Wagen von der Straße abhebt und gegen einen Baum knallt. Das ist Kopfkino.

Nicht zu vergessen Carl Mørck, der wunderbar andere Kommissar. Ein Mann, der den Zynismus lebt, ohne sich dem Weltschmerz wie Kurt Wallander hinzugeben. Wenn die Geschichte zu viel Fahrt aufnimmt, stoppen die kuriosen Dialoge der Hauptdarsteller die Handlung, lassen kurz Luft holen, einmal laut auflachen. Jussi Adler-Olsen zeigt: Auch skandinavische Kriminalromane können lustig sein, nicht nur getragen, nachdenklich und den Sinn der Welt hinterfragend. All das macht Erlösung zum besten Roman der bislang kurzen Reihe um Carl Mørck.

 

Steinar Bragi: Frauen

Wie weit darf und soll man für die Kunst gehen? Mit dieser Frage befasst sich der junge isländische Autor Steinar Bragi in seinem Roman Frauen (Kunstmann Verlag). Sowie mit dem diffusen Gefühl, nach langer Zeit nach Hause zu kommen, aber nicht mehr wirklich dazuzugehören.

Eva Einársdottir ist am Ende. Beruflich läuft es nicht und auch privat steht die junge Künstlerin vor einem Scherbenhaufen. Ihre große Liebe, Hrafn, hat sie verlassen und ist nach Island zurückgekehrt. Er ist mit dem plötzlichen Tod ihrer kleinen Tochter nicht fertig geworden. Eva ertränkt ihren Kummer im Alkohol. Auf der Suche nach Sponsoren für einen Dokumentarfilm trifft sie auf einen isländischen Banker, der ihr anbietet, kostenlos sein verwaistes Luxusappartment in Reykjavík zu hüten. Ein Glücksfall, denkt die Isländerin. Sie nimmt das Angebot an und kehrt New York den Rücken.

Bereits bei der Wohnungsbesichtigung mit dem etwas zwielichtigen Anwalt des großzügigen Bankiers beschleicht sie zwar ein merkwürdiges Gefühl, trotzdem bleibt sie und bezieht das Appartment mit Blick auf das Wasser. Und merkwürdigen Nachbarn, denen sie erst vertraut – und irgendwann gar nicht mehr. Eva fühlt sich zunehmend unwohl, bedroht und beobachtet. Nach und nach verändert sich ihre Umgebung und auch sie selbst spürt, dass sie nicht mehr die alte Eva ist. Irgendwann wacht sie auf und kann ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Sie begreift, dass man sie in eine Falle gelockt hat: Sie ist zum Bestandteil eines perfiden Kunst-Happenings geworden. Zum Objekt einer Inszenierung, in der die Grenzen zwischen Realität und Albtraum mehr und mehr verschwimmen – und die tödlich enden wird, wenn Eva sich nicht wehrt und es nicht schafft, auszubrechen.

Während viele Romane auf eine Art losgelöst von gesellschaftlichen Problemen arbeiten, thematisieren zahlreiche isländische Romane die Probleme direkt. Besonders die Wirtschaftskrise, die Island hart getroffen hat, findet oft Erwähnung. So auch in Steinar Bragis Frauen.

 

Nina Pauer: Wir haben keine Angst

Lebe ich im richtigen Jetzt für das richtige Später? Diese Frage stellt Nina Pauer in ihrem Debütroman Wir haben keine Angst: Gruppentherapie einer Generation, erschienen beim S. Fischer Verlag. Darin malt die junge Autorin das Bild einer erstaunlich verzagten, ängstlichen Generation der um die 30-Jährigen. Zwischen Glück und Zweifel, Geborgenheit und Stress, abgeklärter (Selbst-)Ironie und Angst.

Der Angst davor, etwas zu verpassen, sich falsch zu entscheiden. In der Liebe, beim Studium, im Job, bei der Wahl der Stadt und des Lebensstils. «Die Chance meiner Generation war schon immer gleichzeitig auch ihr Fluch», sagt Nina Pauer, selbst 29 Jahre alt: «Alles ist möglich!» Eigentlich ist die Welt der 25- bis 35-Jährigen in Ordnung. Eigentlich. Sie müssen lediglich das leere Blatt mit der richtigen Version ihrer selbst füllen. Genau, lediglich. Die Katastrophen, die ihnen den Schlaf rauben, sind keine weltpolitischen, sondern einzig und allein ihre privaten Ängste. Doch es sind eben diese sich bietenden Freiheiten, die sie überfordern. Die zahllosen vermeintlichen Möglichkeiten zur zwanghaften Selbstverwirklichung.

Die junge Autorin schildert dies anhand der Geschichten von Anna und Bastian als Stellvertreter ihrer Generation. Anna hat einen schnurgeraden Lebenslauf vorzuweisen: Sie arbeitet nach einem in Rekordzeit absolvierten Studium als Junior Assistant in einer Werbeagentur. In ihrer Freizeit macht sie Yoga und trifft coole Freunde in hippen Bars. Bastian hingegen ist ein charmanter Chaot. Natürlich ein total sympathischer, nicht minder schlau, lustig und cool. Nur kriegt er irgendwie nichts wirklich auf die Reihe. Trotz aller Gegensätze eint sie die quälende Suche nach dem richtigen Lebensweg, nach Zufriedenheit und Glück.

Nina Pauer vergleicht das Leben der beiden mit einer immerwährenden Castingshow, lässt sie in wechselnden Passagen bei «Germanys Next Selbstverwirklicher» und «Deutschland sucht den Superselbstverwirklicher» antreten und schickt sie zum Gesprächstherapeuten. Dabei erweist sich die junge Redakteurin der Wochenzeitung Die Zeit als pointierte Erzählerin und aufmerksame Beobachterin der hedonistisch-gemütlicher Post-Generation Golf.

 

 

Quelle: NachrichtenMedien NachrichtenBuchtipps 2011 – Jenseits der Schoßgebete

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