Ökologisches Reisen: Maltas schöne Schwester

Redaktion 20. Oktober 2011 0
Ökologisches Reisen: Maltas schöne Schwester

Das kleine Gozo ist so grün und natürlich geblieben, dass selbst Malteser hier Urlaub machen. Doch ausländische Touristen bleiben aus, deshalb will die Insel jetzt zum Öko-Paradies werden.

Spätestens auf Gozos Hauptstraße beschleicht den Besucher plötzlich das Gefühl, dass die Gozitaner wirklich ein bisschen verrückt sind: Dort stehen, schräg gegenüber und nur wenige Schritte voneinander entfernt, gleich zwei Opernhäuser. Dabei hat die Insel, die 14 Kilometer lang und sieben Kilometer breit ist, gerade mal 30.000 Einwohner.

Dass die Anzahl der Opernhäuser nicht unbedingt etwas mit der besonderen Opernleidenschaft der Gozitaner zu tun hat, wird schnell klar, wenn man mit Marion Zammit spricht. Die junge Frau, die als freiwillige Helferin für das Organisationskomitee des Astra Theatre arbeitet, steht im Saal des Theaters, zwischen üppigen Samtsesseln und goldverzierten Logen, und deutet auf die ausladende Bühne: „Groß genug für jede italienische Oper, viel größer als im Theater von Malta“, sagt sie stolz. Der wahre Konkurrent sitzt aber nicht auf dem Festland, wie die große Schwesterninsel hier genannt wird, sondern ein paar Häuser weiter: Die Gozitaner stünden in ständigem Wettbewerb miteinander, sagt Zammit. „Auf diesem winzigen Flecken haben wir wenig Ressourcen, deswegen will hier jeder der Beste sein.“ Zu welcher Gruppe man gehört, entscheidet auf der streng katholischen Insel die Zugehörigkeit zu der jeweiligen Kirchengemeinde. Die Anhänger der St. Georg-Gemeinde unterstützen das von ihrer Kirche erbaute Astra Theatre, die St. Maria-Anhänger das Aurora Theatre.

Mit Schaudern erinnert sich Marion Zammit an jenes verhängnisvolle Jahr, als die Konkurrenz plötzlich „Aida“ auf den Spielplan setzte – wohl wissend, dass das Astra-Ensemble eben dieses Verdi-Stück einstudierte. Eine Delegation wurde über die Straße geschickt, doch wie so oft auf Gozo wollte keiner nachgeben – und die Gozitaner sahen in diesem Jahr zwei Versionen derselben Oper. Eine Dickköpfigkeit, wie sie hier typisch ist.

Nur dreißig Minuten dauert die Überfahrt auf der Fähre von Malta nach Gozo. Dreißig Minuten, aber es könnten auch dreißig Jahre sein, so unterschiedlich sind die beiden Inseln. Während auf Malta nach der Unabhängigkeit von Großbritannien in den 70er-Jahren ein Bauboom einsetzte, ist Gozo so natürlich und ländlich geblieben, dass selbst die Malteser hier Urlaub machen. Und dann eher behandelt werden wie ausländische Touristen anstatt wie Einheimische. Manch einer der Gozitaner würde sich am liebsten ganz vom „Festland“ lossagen und weist gerne darauf hin, dass Gozo ja schon einmal zwei Jahre unabhängig von Malta war – im Jahr 1798. Da nämlich überfiel Napoleon die maltesischen Inseln. Die zähen Gozitaner konnten ihn bereits nach wenigen Monaten fortjagen, während auf Malta die Franzosen weitere zwei Jahre herrschten.

„Auf dem Papier sind wir nicht unabhängig, aber in der Realität schon“, sagt Giovanna Debono, als Ministerin für Gozo zuständig. „Ich bin die Ministerin, nicht etwa die Sekretärin des Ministers“ – so stellt sich die sympathische Frau in ihrem Ministerium den Besuchern vor. Es ist wohl als Scherz gemeint, aber als eine von nur wenigen weiblichen Politikern in Malta ist ihre Position nicht selbstverständlich. Doch Giovanna Debono zu unterschätzen, wäre gefährlich: Als Kabinettsmitglied legt sie bei jedem Gesetz ein Veto ein, wenn sie befürchtet, dass es sich auf ihre Gozitaner negativ auswirken könnte. Sie hat erkämpft, dass zehn Prozent der für Malta bestimmten EU-Fördermittel direkt an Gozo fließen – und so das zurückerobert, was ihren Wählern so wichtig ist: ein kleines Stückchen finanzielle Unabhängigkeit von Malta.

Nur gegen eines von Gozos Hauptproblemen ist selbst Giovanna Debono momentan noch machtlos: Die ausländischen Touristen bleiben aus. Seit Jahren gehen die Zahlen zurück, drei große Hotels mussten bereits schließen. Denn im Gegensatz zu den inländischen Touristen, die oft für eine ganze Woche bleiben, machen die meisten Ausländer nur einen Tagesausflug auf die kleine Insel. Haken schnell die wichtigsten Sehenswürdigkeiten wie die Calypso-Grotte oder die spektakuläre Felsformation an der Küste, bekannt als das „Azure Window“, ab.

Doch auch für dieses Problem hat die agile Ministerin bereits einen Plan: Sie will Gozo bis zum Jahr 2015 in ein „Eco-Island“, eine Öko-Insel, verwandeln. Soll heißen: nachhaltiger statt saisonaler „Sun and Sea“-Tourismus. Bis Ende Juni dürfen daher alle Gozitaner Vorschläge einreichen, wie Gozo zur Öko-Insel werden kann. Außerdem soll das öffentliche Verkehrsnetz ausgebaut werden, und Informationsteams sollen in den Dörfer aufklären, wie man Energie spart.

Ein etwas dürftiger Plan, wie die Partei Alternattiva Demokratika – die maltesischen Grünen – findet. Die Regierung hätte erschreckend wenig konkrete Ideen für das wohlklingende „Eco Island“-Konzept, heißt es aus der Opposition. Zwar wachsen im fruchtbare Ghajn Qasab Tal duftende Wildblumen, Zitronenbäume wuchern üppig über kleine Wanderpfade und in der Ferne, zwischen Olivenhainen, leuchtet der gelbe Sand der Ramla Bay. Doch die örtlichen Öko-Aktivisten glauben: Ohne die EU wäre dieses Paradies doch längst verschwunden! Schließlich wären schon einige Bauprojekte in diesem Tal realisiert worden – wenn nicht die Grüne Partei den Petitionsausschuss des Europäischen Parlaments angerufen hätte, um das Vorhaben zu stoppen. Der geplante Ferienhauskomplex hätte sich direkt unter der Calypso-Grotte in dem naturbelassenen Tal ausgebreitet, die Genehmigung dazu hatte die maltesische Umweltbehörde bereits gegeben. In solchen Situationen besinnen sich die Gozitaner gerne auf die Grüne Partei, auch wenn ihr bei letzten Wahl nur wenige ihre Stimme gaben.

„Eco Island“ auf der einen, gigantische Bauvorhaben auf der anderen Seite – es sind Gegensätze wie diese, die Umweltschützer und Öko-Aktivisten regelmäßig zur Weißglut treiben. Und sie anspornen, selbst etwas für Gozos Öko-Tourismus zu tun. Deshalb gründete Viktor Galea, bei den maltesischen Grünen für Gozo zuständig, 2006 die Ager Foundation, eine gemeinnützige Organisation, die den Einheimischen helfen will, indem sie nachhaltigen Tourismus fördert. Touristen können gegen ein kleines Entgelt Bauern, Fischern oder Schäfern über die Schulter schauen und für einen Tag oder länger bei ihnen mitarbeiten.

Wie gut das funktioniert, kann man auf Bauer Zeppi Merciecas Hof im Dorf Xewkija beobachten: Aufgeregt steht eine Gruppe maltesischer Touristen im Schafstall und fotografiert sich gegenseitig beim Ausmisten. „Die Zitzen mit drei Fingern umfassen, dann fest zudrücken“ – so erklärt Zeppi der Gruppe, wie man Schafe melkt. Denn die Bauern auf Gozo erledigen noch alles in Handarbeit, ohne technische Hilfsmittel. Ihre Tochter hätte zuvor noch nie ein Schaf gesehen, erklärt eine Mutter begeistert. Auf der Schwesterinsel Malta gibt es kaum noch Landwirtschaft, zu dicht gedrängt leben die Menschen dort. Doch auch viele ausländische Touristen kommen, um auf den Bauernhöfen mitzuhelfen. Er könnte sich kaum vor Anfragen retten, sagt Victor Galea. Schwieriger sei es, geeignete Bauern zu finden. Die meisten können gar nicht glauben, dass Touristen fürs Stallausmisten wirklich Geld bezahlen wollen.

 

 

Service

 

Anreise

Air Malta fliegt mehrmals die Woche direkt von Frankfurt nach Malta. Weiter geht es mit der Fähre nach Gozo.

www.airmalta.com

www.urlaubmalta.com

 

Die Öko-Insel

Bis Ende Juni können die Gozitaner ihre Vorschläge für die „Eco Island“ einreichen. Mehr über das Konzept der Regierung unter:

www.eco-gozo.gov.mt

 

Öko-Tourismus

Die von dem Grünen-Politiker Victor Galea gegründete Ager Foundation ist gemeinnützig. Ein Tag auf dem Bauernhof inkl. Verpflegung kostet rund 20 Euro.

Anmeldung bei Victor Galea: Tel. 00356/7901/7017

www.agerfoundation.com

 

Das Opernfestival

Die beiden konkurrierenden Opernhäuser, Astra Theatre und Aurora Theatre, führen beide im Oktober ihre Opern „Rigoletto“ bzw. „Aida“ auf, Termine unter:

www.mediterranea.com.mt

www.gozoculture.com

 

 

Bild 01: Die Basilika ta’Pinu (Quelle: Johanna Rüdiger/Raufeld)

Bild 02: Die Basilika ta’Pinu (Quelle: Johanna Rüdiger/Raufeld)

Bild 03: Die größte Attraktion auf Gozo: das Azur Window (Quelle: Johanna Rüdiger/Raufeld)

Bild 04: Viktor Galea von den maltesischen Grünen gründete 2006 die Ager Foundation. Die gemeinnützige Organisation will nachhaltigen Tourismus fördern. (Quelle: Johanna Rüdiger/Raufeld)

Bild 05: Bauer Zeppi Merciecas profitiert vom Tourismus und lässt sich schon mal beim Ziegenmelken zuschauen. (Quelle: Johanna Rüdiger/Raufeld)

Bild 06: Das Teatru Astra (Quelle: Johanna Rüdiger/Raufeld)

Bild 07: Religion ist allgegenwärtig auf Gozo (Quelle: Johanna Rüdiger/Raufeld)

Bild 08: Abendstimmung bei Gozo (Quelle: Johanna Rüdiger/Raufeld)

Bild 09: Die megalithischen Tempel auf Gozo (Quelle: Johanna Rüdiger/Raufeld)

 

Text: Johanna Rüdiger

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