Ritalin – Vom Medikament zum Hirndoping?

Lisa Weisbrich und Dennis Wippler 9. September 2011 2
Ritalin – Vom Medikament zum Hirndoping?

Ursprünglicher Verwendungszweck von Methylphenidat und die Symptome von ADHS

Die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung hat in den vergangenen Jahren rapide zugenommen und ist wohl mittlerweile jedem ein Begriff. Vielen ist es auch als das „Zappelphillipsyndrom“ bekannt. Neben etablierten psychotherapeutischen Behandlungsformen hat vor allem die medikamentöse Therapie mit Methylphenidat, dem Wirkstoff des Ritalin, zunehmend an Bedeutung gewonnen. Jedoch wurden einhergehend mit der vermehrten Verschreibung des Medikaments auch immer mehr Besorgnisbekundungen seitens der Eltern und der Öffentlichkeit laut. Dies entfachte heftige Diskussionen mit der Ärzteschaft, die mit der Stellungnahme zur ADHS im Jahre 2005 das Bild von Methylphenidat wieder gerade zu rücken versuchte.[1]

Bereits vor hundert Jahren wurden die Symptome, die an die heutige Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung denken lassen, in dem bekannten Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ von Neurologe und Buchautor Heinrich Hoffmann beschrieben. Der Charakter des Zappelphillips verkörpert eines der Hauptsymptome der ADHS, die motorische Hyperaktivität, welches sich bei Betroffenen im nicht stillsitzen können äußert. Die Prävalenz von ADHS beläuft sich weltweit auf ca. 4 -5 Prozent und ist vorwiegend eine Erkrankung des Kindesalters.[2] Neuere Studien haben allerdings gezeigt, dass Symptome der ADHS auch bei Erwachsenen auftreten, beziehungsweise es bei ca. 50 Prozent der Betroffenen gar nicht erst zur Rückbildung der Symptome kommt.[3]

Die ADHS umfasst einen ganzen Symptomenkomplex, deren Komponenten je nach Betroffenem in verschiedener Weise ausgeprägt sind. Meist treten die Symptome in den ersten 4 – 5 Lebensjahren auf. Betroffene Kinder zeigen zum einen eine geringe Ausdauer bei der Ausführung verschiedener kognitiver Tätigkeiten, sind impulsiv und zeigen eine überschießende motorische Aktivität. Daraus resultieren innere Unruhe und mangelnde Affektkontrolle. Zum anderen sind sie oft unachtsam, distanzlos und neigen zu Unfällen aus Unvorsichtigkeit. Des Weiteren lässt sich oftmals ein aus den Symptomen hervorgehendes gestörtes Sozialverhalten beobachten. Daraus resultieren erhebliche Probleme im Schulalltag, mit den Eltern und mit Gleichaltrigen.

Auch nach Rückbildung dieser Symptome über die Jahre hinweg können aus ihnen Folgeerkrankungen wie Depression und Angststörungen entstehen. Aufgrund der unterschiedlichen Ausprägung der Symptome, sowie deren Ähnlichkeit zu anderen psychologischen Störungen ist die eindeutige Diagnosestellung der ADHS nicht einfach.

 

Mögliche Ursachen von ADHS

Die Ursachen der ADHS sind bis zum heutigen Tag nicht genau geklärt und weiterhin Gegenstand aktueller Forschungen.[4] Studien haben jedoch gezeigt, dass die genetische Prädisposition wohl die größte Rolle spielt. So haben beispielsweise direkte Verwandte von Betroffenen ein 3 – 5 faches Risiko, an einer ADHS zu erkranken. Allerdings können auch exogene Faktoren, wie Alkohol- und Nikotinexposition während der Schwangerschaft, Erkrankungen des zentralen Nervensystems, Infektionen oder Geburtskomplikationen zur Entwicklung der Krankheit beitragen. Des Weiteren fand man heraus, dass der Neurotransmitterhaushalt, vor allem der des Dopamins in bestimmten Gehirnarealen gestört ist und das dopaminerge System überstimuliert wird. Zur medikamentösen Behandlung von ADHS stehen mehrere so genannte Generika zur Verfügung. Ritalin, Equasym, Medikinet und Concerta sind die in Deutschland am häufigsten eingesetzten Präparate. Alle haben sie jedoch eines gemeinsam: den Wirkstoff Methylphenidat, welchem im Folgenden besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird.

 

Definition und Geschichte des Ritalin

Methylphenidat ist strukturell von der Wirkungsweise her mit den Amphetaminen verwandt. Genau wie diese wird es pharmakologisch in die Gruppe der Psychoanaleptika eingeordnet und untersteht dem deutschen Betäubungsmittelgesetz  (BTM). Die Wirkung von Ritalin wird im medizinischen Fachjargon als zentral erregend bezeichnet.[5] Methylphenidat wurde 1944 erstmal von Leandro Pazzinon, einem Angestellten des Schweizer Konzerns Ciba (heute Novartis) synthetisiert. In den Handel gelangte es allerdings erst 10 Jahre später unter dem Namen Ritalin, welcher sich vom Vornamen Pazzinons Frau Marguerite ableitet, die das Präparat gelegentlich im Selbstversuch eingenommen haben soll. Es wird überliefert, dass „Rita“ merkte, wie sie unter dem Medikament besser Tennis spielte.[6]

In den letzten 40 Jahren hat sich Methylphenidat als Mittel der Wahl zur psychopharmakotherapeutischen Behandlung der ADHS durchgesetzt. Seit einigen Jahren wird ADHS immer häufiger diagnostiziert und dementsprechend steigt die Zahl der Verschreibungen von Methylphenidat steil an. Trotzdem sind im Kern nicht mehr Kinder betroffen als noch vor ca. 30 Jahren.  Der Anstieg ist vielmehr durch die zunehmenden Leistungsanforderungen unserer Gesellschaft an die Kinder, mangelndes Erziehungsvermögen der Eltern, sowie die Reizüberflutung durch Zunahme von Kommunikation, Information und Medien bedingt. Diese Faktoren tragen wohl maßgeblich zur weiteren Etablierung und Stabilisierung von ADHS- Symptomen bei.[7]

 

Wirkmechanismus von Ritalin

Der genaue Wirkmechanismus des Methylphenidats ist noch nicht ausreichend verstanden. Außerdem ist die Wirkung bei ADHS Erkrankten teilweise differenziert gegenüber gesunden Menschen, worauf im weiteren Verlauf dieser Arbeit eingegangen wird.

Aufgrund der Zugehörigkeit des Methylphenidats zu der Gruppe der Amphetamine hat es ähnliche Effekte auf die Nervenzellen. Bei Einnahme kommt es zu Effekten, wie beispielsweise der Steigerung des Antriebs, Verbesserung des Wachzustands, Hemmung des Appetits aber auch Stimulierung der Atmung.[8]

 

Unerwünschte Nebenwirkungen

Neben den erwünschten Wirkungen von Methylphenidat, wie Reduzierung der Unruhe, Verminderung der Impulsivität und Verbesserung der Aufmerksamkeit kann es trotz im Grunde sehr guter Verträglichkeit zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen. In 40 Jahren Behandlung ist bei regelmäßiger Einnahme von Methylphenidat bislang keine schädigende oder dauerhaft beeinträchtigende Wirkung bekannt geworden. Bauchschmerzen, leichte Übelkeit und Blutdruckanstieg sind vor allem am Anfang der Therapie die häufigsten Nebenwirkungen, die sich aber meist bei richtiger Einstellung des Medikaments auf den Betroffenen wieder beheben lassen. Des Weiteren wurden auch in manchen Fällen Einschlaf- und Ticstörungen beobachtet. Eine Suchtgefahr besteht bei therapeutischer Dosierung nicht.

Das Hauptproblem stellt nicht die Verabreichung des Methylphenidats und dessen Auswirkungen auf den Patienten dar, sondern vielmehr die heutzutage verschwenderisch gestellte Diagnose ADHS. Viele Kinder durchlaufen hyperkinetische Phasen, ohne dass es sich dabei um eine medikamentös behandlungsbedürftige Erkrankung handelt.[9]

Daher sollten zunächst die anderen Schritte der so genannten multimodalen Therapie in Erwägung gezogen werden. Eine zielführende Behandlung besteht laut Barkley aus fünf Säulen; die Aufklärung der Eltern über ADHS, das Elterntraining, die Aufklärung des Kindes selbst, Verhaltenstraining für das Kind und schließlich die medikamentöse Behandlung.[10]  Wenn aber psychotherapeutische Maßnahmen nicht greifen oder wenn sich die Symptomatik gar verschlimmert, sollte man über eine Methylphenidat Therapie nachdenken. Es empfiehlt sich also eine kritische Umgangsweise mit Methylphenidat und dessen gewissenhafte Verschreibung, denn es handelt sich  nach wie vor um ein Psychopharmakon, das Auswirkungen auf die Persönlichkeit haben kann.

 

Ritalin bei Schulkindern

Ritalin ist ein Medikament, das speziell für Kinder mit Konzentrationsstörungen, hauptsächlich im Rahmen des Krankheitsbildes eines  Aufmerksamkeitsdefizidsyndroms, entwickelt wurde. Es wirkt auf der Ebene der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin. Der im Ritalin enthaltene Wirkstoff Methylphenidat hemmt die Dopaminwiederaufnahme in die Nervenzellen, wodurch der Spiegel in diesen gesenkt, jedoch als Botenstoff erhöht wird. Dies hat zur Folge, dass Informationen, die kurzfristig gespeichert werden, besser und schneller in das Langzeitgedächtnis überführt werden. Als zweite Wirkungsweise führt der gesenkte Dopaminspiegel dazu, Impulse und Affekte abzuschwächen, wodurch sich die Konzentrationsfähigkeit des Konsumenten des Medikaments anhebt und dieser sich leichter auf eine einzelne Tätigkeit fokussieren kann. Hierdurch ist der große Erfolg von Ritalin bei hyperaktiven Kindern zu erklären, diese können sich bei regelmäßiger Einnahme besser auf den Unterricht konzentrieren, sie lassen sich nicht mehr so leicht ablenken und sind in der Lage die gestellten Aufgaben konzentriert und am Stück zu lösen. Das Medikament fällt in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz und kann nur mit ärztlichem Rezept gekauft werden. Weltweit sind die Verschreibungen in den zehn Jahren zwischen 1993 bis 2003 um circa 270 Prozent angestiegen[11] .

Ärzte warnen jedoch davor, dass Kinder, die von klein auf Ritalin nehmen, nicht lernen können ihre Affekte zu kontrollieren, da diese vom Medikament unterdrückt werden. Wird dieses dann abgesetzt, können die Patienten mit den Folgen oft nicht umgehen[12]. Abschließend ist zu sagen, dass die Nebenwirkungen von Ritalin noch nicht gut erforscht sind und die Gefahr die von ihm ausgehen könnte daher nicht umfassend eingeschätzt werden kann.

 

Ritalin als Neuroenhancer

Studien belegen, dass in den USA rund acht Prozent der Studenten schon einmal Medikamente zur Steigerung ihrer kognitiven Fähigkeiten genommen haben, in Deutschland ist der Prozentsatz zwar geringer aber stetig ansteigend. Da Ritalin die Kreativität mindert, wird es hauptsächlich von BWL- und Medizinstudenten eingenommen. Das Medikament steigert die Aufmerksamkeit, Konzentration und Wachheit, so dass sich die Konsumenten nach Einnahme besser auf ihre Aufgaben fokussieren können. Das Lernen fällt leichter, da die Außenwelt während des Arbeitens nahezu vollständig ausgeblendet wird. Weiterhin sind die Informationen die unter Ritalineinfluss gespeichert werden bei einer späteren Abfrage leichter und schneller abrufbar.

Es gibt jedoch viele negative Aspekte im Zusammenhang mit einem Gehirndoping dieser Art. Ein Punkt ist, dass es nicht möglich ist,  die Leistung immer am Maximum zu halten. Leistungs- und Ruhephasen müssen sich abwechseln, um das Gehirn dauerhaft gesund und fit zu halten. Außerdem muss eine Auswahl an Informationen getroffen werden, die das Gehirn im Normalfall selbstständig trifft. Die Gefahr, dass diese Funktion mittels eines Neuroenhancers beeinträchtigt wird ist groß und kann fatale Folgen haben. Es werden dann derart viele unnötige Details gespeichert, dass der Weg zu neuen Gedanken und Ideen versperrt wird, was im schlimmsten Fall auch psychische Folgen haben kann[13].

Ein weiterer Kritikpunkt beschäftigt sich mit der Chancengleichheit. Diese wird so definiert, dass Menschen „bei gleichem Einsatz gleicher Fähigkeiten prinzipiell die gleichen sozialen Aufstiegschancen haben“ (Gesang  2007: 50). Es kann an dieser Stelle eingewendet werden, dass die Chancengleichheit schon naturgegeben in der Realität nicht vorhanden ist. Jedoch können diese Unterschiede bei der Verteilung der Fähigkeiten der Menschen nicht als Entschuldigung dafür angesehen werden, dass sich Menschen mittels Medikamenten Fähigkeiten aneignen, mit denen sie Erfolge schneller und besser erzielen können als Menschen, die keine Neuroenhancer verwenden. Gesang argumentiert , dass wenn beispielsweise ein Student durch die Einnahme von Ritalin seine Lernzeit für eine Prüfung um nahezu 75 Prozent gegenüber einem Kommilitonen mit den gleichen Fähigkeiten verkürzen kann und dasselbe Ergebnis erzielt, so wäre das als Wettbewerbsverzerrung anzusehen und mit dem Doping im Sport vergleichbar[14].

Die nächste Frage die sich im Zusammenhang mit dem Neuroenhancement stellt, ist die der Echtheit. Der Ethikrat des US-Präsidenten ist der Ansicht, dass Glück über Erfolge, die durch Selbstmanipulation, wie beispielsweise der Einnahme von Ritalin, hervorgerufen wurden, Selbstbetrug ist. Er besagt, dass ein Mensch sich nicht über das erreichen eines Zieles wirklich freuen kann, wenn er dieses mit Hilfe von Gehirndoping erreicht hat. Veränderungen müssen selbst erarbeitet werden, damit der Mensch sie für sich anerkennen kann, da für ihn, im Gegensatz zur Maschine, der Weg zum Ziel genauso wichtig ist wie das Ergebnis selbst. Hier gibt als allerdings einige Einschränkungen. Zunächst einmal ist nicht davon auszugehen, dass das Gefühl, das Erreichte aufgrund des Enhancements nicht verdient zu haben, bei jedem Menschen eintrifft. Weiterhin werden die Personen die ihre kognitiven Fähigkeiten künstlich verbessern, ihre zukünftigen Aufgaben möglicherweise immer mehr an ihr „neues“ Können angleichen, so dass sie für diese auch wieder den größtmöglichen Fleiß miteinbringen müssen. Als letzter Punkt kann angeführt werden, dass es schwer ist eine klare Grenze zu ziehen, welche Hilfsmittel ethisch zugelassen werden können. Heutzutage ist der Mensch im täglichen Leben ständig auf die Hilfe von Maschinen angewiesen, zu fast jedem beruflichen oder privaten Erfolg trägt die Technik einen Teil bei. Es kann daher keine feste Abgrenzung gemacht werden inwieweit Enhancements Anteil an Leistungen haben dürfen und das Denken selbst muss nach wie vor jeder Mensch selbst bewerkstelligen, nur der Input an Informationen wird durch die „Gedächtnispillen“ erweitert, wie der Einzelne diese verwertet bleibt jedem selbst überlassen[15]

 

Ritalin als perfekte smart-drug für unsere Leistungsgesellschaft

Wie die bereits erwähnte Statistik aus der Zeit-online belegt greifen immer mehr Menschen, darunter Ärzte, Studenten, Forscher und viel reisende Geschäftsmänner auf Stimulanzien wie Ritalin zurück. Viele dieser Nutzer von Ritalin leiden unter keiner diagnostizierten Störung, fühlen sich jedoch durch den Leidensdruck wenn man leisten sollte und nicht kann, behindert. Im Gegensatz zu ADHS Patienten, bei denen das Ritalin hilft, die leichte Ablenkbarkeit in bahnen zu führen und ihre Impulsivität zu verringern, geht es gesunden Konsumenten lediglich um die Steigerung der Performance, sprich um Selbstoptimierung. Die englischen Begriffe „Neuro-Enhancement“ und „cognitive enhancement“ bürgern sich allmählich auch bei uns ein. Es geht also um nichts anderes als die Steigerung der Hirnleistung.[16]

In unserer heutigen Gesellschaft sind wir es gewohnt, mehrere Tätigkeiten parallel zu verrichten. Wenn man bei der Arbeit von niemandem unterbrochen wird, unterbricht man sich selbst nach einiger Zeit. Ganz anders unter dem Einfluss von Ritalin. Die Konzentration steigt, der Fokus bleibt auf einer Sache und dies, falls nötig über Stunden hinweg. Im Gegensatz zu LSD oder Ecstasy, die stark wahrnehmungsverändernd sind, verführt Ritalin nicht zu irgendwelchen Phantasien oder Träumereien.

Der Beginn des 21.ten Jahrhunderts ist eine Zeit, die enorm geprägt ist von einem hohen Leistungsdruck auf den Einzelnen, durch eine sehr hohe Technisierung und durch die zusätzliche Last der Weltwirtschaftskrise, die sich auf viele Bereiche des Arbeitsmarkts auswirkt. Genau aus diesem Grund ist die Substanz für exakt die Tätigkeiten geeignet, welche heutzutage mehr denn je benötigt werden. Es handelt sich hierbei um Tätigkeiten, die stark strukturiert und rational sind und eine hohe Konzentration erfordern, wie die Durchführung bestimmter Abläufe, Formeln oder Paragrafen auswendig lernen oder längere Zeit konzentriert im OP stehen.

Es ist bekannt, dass man Drogen schon immer mit bestimmten Generationen in Verbindung brachte. LSD steht für die 70iger, die Rebellion gegen den Vietnamkrieg und um sich trotz dessen Grausamkeiten gut zu fühlen, während Kokain in den 80igern als die Droge der Yuppies galt, die damit ihr Ego pushten. Ecstasy wiederum ist bekannt als die Droge der neunziger Party Jugend, die lediglich auf Spaß aus waren.

Der stetig wachsende Druck der heutigen Leistungsgesellschaft auf den Einzelnen prädestinieren Ritalin zum scheinbar perfekten Mittel, um den heutigen Anforderungen gewachsen zu sein. Wegen seiner ähnlichen wird Ritalin oft auch als Nano-Kokain betitelt. Man hat kaum noch Selbstzweifel, überschätzt sich schnell und fühlt sich großartig. Da sich die Leistungsbereitschaft von Ritalin nicht nur auf das Hirn und die Denkprozesse, sondern auch  auf die Pumpkraft des Herzens und somit auch auf die Durchblutung der Muskulatur im Körper auswirkt, wird es mittlerweile auch in der Partyszene gerne genommen.

Neurologen, die Neuropharmaka zur Leistungssteigerung vorschlagen, argumentieren damit, dass unsere Gesellschaft auf die wachsenden Anforderungen nach kognitivem enhancement antworten muss. Sie sehen also in Neuroenhancern die Möglichkeit das Sein des Menschen selbst und seines Daseins zu verbessern. Grundlegend wichtig sei, dass gesunde Konsumenten risikobewusst mit den Substanzen umgehen.

Ein ethischmoralisches Bedenken, welches im Hinblick auf das Nutzen von Ritalin als Neuroenhancer angebracht wird, ist dass Hirndoping eine Form des Betrugs sei und die Konkurrenzsituation verfälsche. Damit wären im gleichen Atemzug diejenigen, welche sich Ritalin nicht leisten können von vorneherein benachteiligt. Der Philosoph Thorsten Galert, der sich mit ethischen Fragen, die sich mit Hirndoping beschäftigen auseinandersetzt argumentiert allerdings klar gegen diese Meinung, indem er anführt, dass man bei kognitiven Fähigkeiten generell nicht von Chancengleichheit sprechen kann. So ist zum Beispiel derjenige, der viel Geld besitzt sowieso im Vorteil gegenüber Ärmeren, da er sich kognitiv gewinnbringenden Bildungsangeboten bedienen kann.

Das Argument des Mogelns oder Schummelns wird letztendlich damit entkräftet, dass es sich im Gegensatz zum Sport, bei dem es sich um ein zweckfreies Geschehen handelt, bei dem man Anerkennung für die Leistung an sich erhält. Bei einer wissenschaftlichen Arbeit beispielsweise, die unter Ritalin verfasst wurde und neue Erkenntnisse liefert wird ein Ergebnis erzielt, das jedem zugute käme. Galert argumentiert zudem, dass eine weiter anhaltende Ablehnung von Neuroenhancern die Pharmafirmen dazu veranlasst, diese Neuroenhancer für therapeutische Zwecke zu nutzen. Es würden somit einfach neue Krankheiten erfunden, was uns erspart bleiben würde wenn offen geforscht werden darf.[17]

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Einnahme des Medikaments/Neuroenhancers Ritalin ist dennoch von großer Bedeutung, da Ritalin bei unvorsichtiger und oder überdosierter Einnahme zu psychischen Veränderungen führen kann. Zu dem geht die Kreativität verloren und zwischenmenschliche Beziehungen werden unter Umständen stark vernachlässigt, da das Mittel den Gedanken keinen Freiraum außerhalb des Fokus zulässt.

 

 

Bibliographie

Internationale Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision (ICD-10),

URL: http://www.dimdi.de/dynamic/de/klassi/diagnosen/icd/htmlgm2007/fr-icd.htm


Pressemitteilung der Bundesärztekammer vom 25.10.2005

URL: http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=3.71.765.787.991&all=true

 

J.-D. Hoppe, P.C. Scriba et al.: Stellungnahme zur ADHS 26.08.2005

URL: http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/ADSHkurz.pdf

 

Zeit-online vom 02.04.2009: Ich bin ein Zombie, und lerne wie eine Maschine.

 

Die Zeit vom 11.03.2010 (11. Ausgabe): Da macht das Gehirn nicht mit.

 

M. Schulte-Markwort, A. Warnke et al.: Methylphenidat, 1. Auflage, 2004, Thieme Verlag, Stuttgart

 

A. Ruß: Arzneimittel pocket, 10. Auflage, 2005, Börm Bruckmeier Verlag

 

B. Gesang: Perfektionierung des Menschen. 1.Auflage, 2007, Walter de Gruyter Verlag, Berlin.

 

P. Bühring: ADHS, Besorgnis über Medikation unbegründet, Deutsches Ärzteblatt 102, Ausgabe 45 vom 11.11.2005, Seite A-3074/B-2601/C-2443

 

www.ads-hyperaktivitaet.de/ADHS/Ziele/multimodal/multimodal.html

 

http://www.2virgule718.net/Documents/Ritalin.pdf

 



[1] J.-D. Hoppe, P.C. Scriba et al.: Stellungnahme zur ADHS 26.05.2005

[2] Internationale Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision (ICD-10)

[3] Pressemitteilung der Bundesärztekammer vom 25.10.2005

[4] M. Schulte-Markwort, A. Warnke et al.: Methylphenidat, 1. Auflage, 2004.

[5] A. Ruß: Arzneimittel pocket, 10. Auflage, 2005.

[6] M. Schulte-Markwort, A. Warnke et al.: Methylphenidat, 1. Auflage, 2004.

[7] P. Bühring: ADHS, Besorgnis über Medikation unbegründet, Deutsches Ärzteblatt 102.

[8] M. Schulte-Markwort, A. Warnke et al.: Methylphenidat, 1. Auflage, 2004.

[9] A. Ruß: Arzneimittel pocket, 10. Auflage, 2005.

[10] www.ads-hyperaktivitaet.de/ADHS/Ziele/multimodal/multimodal.html

[11] Zeit-online vom 02.04.2009: Ich bin ein Zombie, und lerne wie eine Maschine.

[12] Die Zeit vom 11.03.2010 (11): Da macht das Gehirn nicht mit.

[13] Gesang, Bernward: Perfektionierung des Menschen. Berlin/New York: Walter de Gruyter 2007, S.29.

[14] Gesang: Perfektionierung des Menschen, 50ff.

[15] Gesang: Perfektionierung des Menschen, 90ff.

[16] Schmid, B.: Ritalin ist die Modepille der Leistungsgesellschaft. Ein Selbstversuch, 3ff.

[17] Schmid, B.: Ritalin ist die Modepille der Leistungsgesellschaft. Ein Selbstversuch, 4ff

 

Text: Lisa Weisbrich und Dennis Wippler

2 Comments »

  1. web4health 9. September 2011 at 17:28 - Reply

    Auch wenn Methylphenidat ursprünglich eher zur unspezifischen Leistungssteigerung entwickelt wurde, ist es doch unglaublich selektiv wirksam, wenn ADHS vorliegt. Das Problem ist ja eher, dass viele Ärzte die Symptome zu vorschnell ADHS zuordnen und damit einem ärztlich zuzuordnenden Medikamentenmissbrauch fördern. Wenn Methylphenidat sinnvoll verordnet und betreut wird, ist es ein sehr sicheres und unglaublich wirksames Medikament. Wenn nicht, dann nicht.

  2. Arnika Kirsch 14. Juni 2012 at 18:50 - Reply

    Erwachsene mit ADHS werden heutzutage noch allzu selten erkannt. Mich würde interessieren, wie viele dieser Menschen, die Methylphenidat angeblich als „Enhancement“ missbrauchen, ein bislang undiagnostiziertes ADHS haben. Wurde das bei den angebenen 8% der Studenten untersucht?

    Die hier beschriebene Wirkung auf die Konzentrationsfähigkeit beschreibt übrigens eine Situation, in der ADHSler sich ohnhin ständig befinden: Es handelt sich um den sog. „Hyperfokus“. Dieser entsteht durch eine mangelhafte Kontrolle über die Aufmerksamkeitslenkung. Er entsteht bei starkem Interesse für ein bestimmtes Thema oder eine bestimmte Tätigkeit. Würde man im Leben ausschließlich mit interessanten Dingen konfrontiert, bestünde das Problem mangelnder Aufmerksamkeit für ADHSler so nicht (sehr schwerwiegende Fälle ausgenommen). Viel Zeit in solchen Hyperfoki zu verbringen ist sehr anstrengend und kann eine Vernachlässigung sozialer Beziehungen mit sich bringen. Ob man das freiwillig wünscht, kann sich jeder Nicht-ADHSler überlegen.

    Die Unterdrückung von Affekten durch Ritalin wäre mir übrigens neu. Es bewirkt jedoch eine verbesserte Kontrolle über die Emotionen. Wer sich als erwachsener ADHSler nach Absetzen des Medikaments mit intensiven, nicht kontrollierbaren Emotionen konfrontiert sieht, sollte ohnehin erwägen die Medikation fortzusetzen. Der ADHSler, der bislang ohne Medikation auskommen musste, hat dieses Problem ggf. in gleicher Weise.

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