Das wandelbare Erbgut

Redaktion 30. August 2011 1
Das wandelbare Erbgut

Neue Forschungen zeigen, dass unsere Lebensweise nicht nur die eigene Gesundheit beeinflusst, sondern auch die unserer Kinder.

 

Hat die Umwelt uns Menschen geschaffen und geprägt oder waren es die Gene? Das ist wohl eine der leidigsten Debatten in der Biologie. Sie hat aber nachgelassen. Die moderne Genforschung zeigt, dass es in der Sache um ein Sowohl-als-auch geht: um ein komplexes Nebeneinander mal ausschließlicher, mal gemeinsam aktiver Einflussgrößen.

 

„Gene sind weder Diktatoren noch autistische Eigenbrötler“ – so formuliert es der Freiburger Medizin-Professor Joachim Bauer in seinem Buch „Das kooperative Gen – Abschied vom Darwinismus“. „Gene empfangen Signale und reagieren auf sie, kommunizieren also mit der Umwelt. Sie steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert.“ Erfahrungen und Außenreize drücken demnach gewissermaßen auf Gen-Schalter oder sie lassen es bleiben – ähnlich einem Piano, das schweigt, solange keiner die Tasten anschlägt. Es sei, so Bauer, in den Genen keineswegs „unveränderlich vorherbestimmt, wie wir sind“. Vielmehr habe auch „die Art, wie wir leben, Einfluss auf unsere Gene“. Welche Einflüsse das sind, untersuchen Fachleute eines noch recht neuen Forschungsfeldes namens Epigenetik – eine Art Zusatz-Genetik neben dem eigentlichen Gen-Code.

 

Die Forschung der vergangenen Jahre zur außenreizgesteuerten Blockade oder Aktivierung von Genen gehört zu den spannendsten Feldern der Humanbiologie. Epigenetik hilft den Forschern dabei, neue Wirkstoffe und Therapien zu entwickeln. Vor allem zeigt sie, wie Menschen ihre Gene beeinflussen können, indem sie den Lebensstil ändern. Selbst die Frage, wie sich Teile des Charakters entwickeln und bestimmte Gewohnheiten die Persönlichkeit der eigenen Kinder beeinflussen, lässt sich mit der Epigenetik erklären. Sie räumt auf mit der Vorstellung, dass die genetische Veranlagung ein unverrückbares Gebilde sei.

 

Dieser letzte Punkt könnte vermutlich die größte Umwälzung im Denken auslösen – oder sollte es zumindest. Ein Sachverhalt, auf den schon der Mediziner Bauer hingewiesen hat. Ihm zufolge schaffen es Säugetiere – also auch Menschen – „Erfahrungen, die sie in der frühen Lernphase ihres Lebens am eigenen Leibe gemacht haben, später an ihre eigenen Nachkommen weiterzugeben“.

 

Dies erhöht den moralischen Druck auf jeden Menschen. Denn selbst wenn ihm der eigene Körper oder die eigene Seele gleichgültig sind, sollte ein höheres Wohlbefinden und längeres Leben für die eigenen Kinder und Enkel doch Anreiz genug sein, den eigenen Lebenswandel zu überdenken. „Wer sich dem Gift Nikotin aussetzt, spielt ein gefährliches Spiel mit den Schaltern an seinem Genom“, warnt Autor Peter Spork zum Beispiel die Raucher. Er verändere die Genschalter so, „dass der Krebs in Zukunft kaum noch auf eine zelluläre Gegenwehr trifft und leichtes Spiel hat“. Spork hat sich in seinem Buch „Der zweite Code. Epigenetik – oder wie wir unser Erbgut steuern können“ intensiv mit dem wandelbaren Erbgut beschäftigt.

 

Die Lust am Glimmstängel ist nur ein Beispiel. Beinahe alles, was der Mensch seinem Körper zumutet oder andere ihm antun, wirkt sich auf die Zellen aus und hinterlässt Spuren im genetischen Fundament unseres Körpers. Der US-Biologe Randy Jirtle bringt es auf folgende Formel: „Wir haben ungeahnte Macht über unsere Gene und die unserer Kinder.“

 

Schon was unsere Mütter während der Schwangerschaft an Nahrung zu sich nehmen, hat unter Umständen mehr Auswirkungen auf unsere Gesundheit im Alter, als jene Mahlzeiten, die wir gegenwärtig auf unserem Speiseplan haben. „Der Botenstoff-Mix, der unser Gehirn in den Monaten vor und nach der Geburt überschwemmt, prägt unsere Persönlichkeit oft stärker als die Erziehung, die wir in den vielen Jahren danach erhalten“, meint Peter Spork.

 

Wer darüber verzweifelt, dass so viele Versuche, schlanker zu werden, gescheitert sind, könnte eine Antwort in der Epgentik finden. Denn auch die Art, wie wir Speisen und die darin enthaltenen Kalorien verwerten, kann mit der Lebensweise unserer Eltern und Großeltern sowie mit Prägungen im Mutterleib oder in der frühesten Kindheit zu tun haben. Hier können auch die Gründe dafür liegen, warum viele, die abnehmen möchten, immer wieder mit dem berühmten Jojo-Effekt zu kämpfen haben.

 

Doch auch wenn Genetiker inzwischen einräumen, dass Alkoholkonsum oder Abstinenz, Sport oder Bewegungsarmut, erlebte Liebe oder Missachtung den Einfluss der Erbanlagen auf unser Leben mitsteuern: Die Weitergabe dieser biochemischen Erfahrungen an unsere Nachkommen ist bisher noch umstritten.

 

Spork zufolge häufen sich allerdings die Hinweise, dass wir neben unserem Erbgut auch Teile unseres eigenen epigenetischen Codes an unsere Nachfahren weitergeben. Bei Gewächsen aller Art sei längst erwiesen, dass sie auch das biochemische Gedächtnis ihrer Zellen weitervererben. Jedenfalls hält er es für sehr „wahrscheinlich, dass Menschen mit ihrem weitgehend selbst erwählten Lebensstil nicht nur die eigene Gesundheit beeinflussen“, schreibt der Autor. „Mit einer gesunden Lebensweise können wir unser biomedizinisches Schicksal verändern.“

 

Buchtipps

 

„Das kooperative Gen“

 

Wie wir wurden, was wir sind verdeutlicht Bestsellerautor Joachim Bauer. Aus aktuellen Forschungsergebnissen macht er eine spannende Lektüre und erklärt die Evolution plausibel als kreativen Prozess.

 

„Das kooperative Gen. Evolution als kreativer Prozess“, Joachim Bauer, Heyne Verlag, 2010, 224 Seiten, 8,95 Euro.

Das kooperative Gen bei GesundSuchen.de

 

 

„Der zweite Code“

 

In „Der zweite Code“ richtet sich der Autor Peter Spork nicht nur an Laien, sondern auch an Mediziner und Psychologen. Doch auch die Politik sollte Konsequenzen aus der jüngsten molekularbiologischen Forschung ziehen. Der Autor wirbt für eine bessere Beratung und Entlastung werdender Eltern und für eine leichtverständliche und verpflichtende Kennzeichnung von Lebensmitteln, die anzeigt, wie gesund Produkte wirklich sind.

 

„Der zweite Code. Epigenetik – oder wie wir unser Erbgut steuern können“, Peter Spork, Rororo Verlag, 2010, 304 Seiten, 19,90 Euro.

Der zweite Code bei GesundSuchen.de

 

 

Bild 01: Buchtipp „Das kooperative Gen. Evolution als kreativer Prozess“ von Joachim Bauer. (Quelle: Heyne Verlag)

Bild 02: Buchtipp „Der zweite Code. Epigenetik – oder wie wir unser Erbgut steuern können“ von Peter Spork. (Quelle: Rororo Verlag)

Text: Walter Schmidt

One Comment »

  1. Leseratte 30. August 2011 at 23:48 - Reply

    Das Buch „Das kooperative Gen“ kann ich nur empfehlen…wirklich spannend angegangen das Thema!

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